Reisetagebuch Tag 1: TourMC – oder auch: Die Geschichte vom Scheitern.

Dies ist meine ganz persönliche Geschichte vom Scheitern, vom Aufgeben, vielleicht auch vom Versagen. Wie ihr es nennen mögt, bleibt euch überlassen. Ich nenne es “vernünftig sein und auf den Körper hören”.

Manche Ziele können im Leben einfach nicht erreicht werden. Zumindest nicht, wenn sie unbedingt in einem bestimmten Zeitrahmen erreicht werden müssen. Dann klappt nämlich gar nichts mehr und Scheitern ist vorprogrammiert. Aber lasst mich ganz in Ruhe die Geschichte erzählen, in der ich genau das versucht habe: Innerhalb eines viel zu engen Zeitfensters ein Ziel zu erreichen.

Meine TourMC (Marienheide – Cismar) beginnt. Das Vorhaben lautet: 584 km in 5 Tagen mit dem Rad. Backpacking mit Übernachtungen in Hostels und Jugendherbergen. Etappenziele sind Münster, Porta Westfalica, Bremen, Hamburg, Cismar.

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Tag 1 (Mittwoch)

Früh morgens. Es ist noch nicht ganz hell draußen, als mein Wecker klingelt. Schnell unter die Dusche gehüpft, Haare zerstrubbelt, flüchtig die letzten Gegenstände in den ohnehin bereits überfüllten Rucksack stopfen. Abschiedskuss von Mama, die mich mit den letzten ultimativen Ratschlägen wie “Nimm genug zu Essen mit” und “Lass besser deinen Schlüssel hier, sonst wird er noch geklaut” noch nervöser macht. Wir hängen ihn also zurück an mein Schlüsselbrett und Mama entschwindet elfengleich zur Arbeit.

Ich frühstücke, erste Zweifel kommen auf. Der Blick aus dem Fenster macht die Sache nicht besser: Graue Wolken, Nebel und Niesel. Beste Voraussetzungen, denke ich sarkastisch. Schneller als erwartet springt die Uhr auf 07:30 Uhr, Zeit zum Losfahren. Beschwingt verlasse ich mit meinem großen Backpackerrucksack und einem normalen Rucksack für das “Handgepäck” meine Wohnung und ziehe unten die Haustür zu. Das Fahrrad bereitgestellt will ich den kleinen Rucksack hinten ins Körbchen werfen. Dort sehe ich mein Fahrradschloss unschuldig herumliegen. Mist, der Schlüssel dafür befindet sich an meinem Schlüsselbund, den meine Mutter jetzt hat. Denke ich zumindest zerstreut und kopflos. Panik steigt in mir auf, rufe meine Mutter und meinen Stiefvater an, der zwar zu Hause ist, jedoch keinen blassen Schimmer hat, wo meine Mutter meinen Schlüssel deponiert haben könnte. Hektisch renne ich nach oben in meine Wohnung, denn vielleicht habe ich noch einen Zweitschlüssel für das Schloss. Mein Blick schweift über das Schlüsselbrett und bleibt an meinem Schlüsselbund hängen. Unwillkürlich klatsche ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. Wie ich innerhalb von 45 Minuten vergessen konnte, dass wir den Schlüssel dahin gehangen hatten, ist mir ein Rätsel. Überglücklich reiße ich den Fahrradschlüssel vom Bund und renne die Treppen hinab. Ungläubiges Kopfschütteln von meinem Stiefvater, begleitet von einem letzten Abschiedsgruß, als ich fluchtartig das Haus verlasse. Glück gehabt!

Kaum sitze ich auf meinem Rad, kommt mir der Gedanke “Uuuuurlaub!” in den Sinn. Ja genau, Urlaub…

Spät abends. Fertig. Völlig entkräftet und apathisch in die Luft starrend stehe ich an der Rezeption meines ersten Tagesziels: Ein Hostel in Münster. Was es mich an Kraft gekostet hat, überhaupt jemals hier anzukommen, kann ich noch nicht mal ansatzweise in Worte fassen. Ich versuche es mal folgendermaßen: Mindestens 5x habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, die am nächsten gelegene Zugstation aufzusuchen und zurück zu fahren. Bewegen kann ich mich kaum noch, alles tut weh.

Ausgelaugt, halb verhungert und beinahe aufgegeben – Und das bereits am ersten Tag?

Dabei fing alles relativ harmlos an. Nach dem Schlüssel-Desaster am Morgen verlief anschließend zunächst alles gut. Pünktlicher Zug nach Marienheide, schnell noch ein Zimmer in Hamburg reserviert und die ersten Meter in Marienheide waren angenehm zu fahren. Dieses Hochgefühl hielt allerdings nur so lange, bis ich laut meiner ausgedruckten Route nach rechts auf eine Straße namens “Im Hagen” abbiegen sollte. Einer so steil ansteigenden Straße bin ich zuletzt zwischen Overath und Lohmar begegnet, als ich Richtung Hoffnungsthal geradelt bin. Damals war Schieben angesagt, und auch hier bin ich trotz des ersten Gangs nicht weit gekommen und musste absteigen. Oben angekommen hatte meine Route nichts besseres zu tun, als mich quer über eine Wiese mit Trampelpfad zu führen, welche auch noch mit dem Schild “Privatweg – Befahren verboten” ausgestattet war. Befahren verboten? Dann halt erneut ein Stück schieben!

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Der Rest der Strecke war nicht viel besser. Mit so viel bergauf und bergab habe ich nicht gerechnet. Anfangs kam ich noch einigermaßen gut klar und kurz vor Hagen ging es dann lange nur bergab. Was nicht wirklich Entspannung bedeutet, da es teilweise so steil bergab ging, dass ich völlig verkrampft dasaß und die Bremsen durchdrücken musste, um keinen Unfall zu bauen. In Hagen habe ich dann eine kleine Pause eingelegt. Zu dem Zeitpunkt war ich allerdings erst etwa 40 km weit gekommen und hatte noch gute 80 km vor mir.

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Die Straße wurde auch im zweiten Part nicht besser. Es ging nur bergauf und bergab, stets im Wechsel. Ich glabe, so oft habe ich noch nie zuvor zwischen dem sechsten und dem ersten Gang hin- und herwechseln müssen.

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Im ersten Gang bin ich ohnehin zum ersten Mal gefahren. Mit jedem Kilometer wurden meine Beine schwerer, meine Energie weniger, meine Nerven strapazierter. Als ich kurz davor stand, ins Schluchzen auszubrechen, legte ich in Kamen meine zweite Pause ein. Es lagen noch 47 km vor mir und am liebsten wäre ich da schon nicht mehr weitergefahren…

Die dritte Etappe war dann die Härteste. Nicht unbedingt wegen der Straßenführung, denn die war auf den letzten Kilometern größtenteils flach. Aber meine Energie war aufgebraucht, ich konnte einfach nicht mehr. Bei jedem kleineren Hügel bergauf, den ich bereits von Weitem sehen konnte, bekam ich Schnappatmung, weil ich mich selbst davon abhalten wollte, das Heulen anzufangen. Mehrmals fiel mir das Atmen so schwer, dass ich Angst hatte, zu hyperventilieren. Alle viertel Stunde war ich gezwungen, anzuhalten und kurz vom Rad zu steigen, weil mein Hintern schmerzte wie die Hölle. Jeder Meter war eine Qual, doch ich kämpfte mich vorwärts und als ich schlussendlich das Hostel erreichte, konnte ich es überhaupt nicht fassen, dass ich das durchgezogen habe.

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Mit Schmerzen in jeglichen Körperregionen, einer Matschbirne und 0% Energie betrat ich meine Schlafstätte. Geschafft!!

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