Reisetagebuch Tag 2: TourMC – oder auch: Die Geschichte vom Scheitern.

Die letzte Nacht war grauenvoll. Als hätte es nicht ausgereicht, mit drei weiteren Personen in einem Zimmer zu schlafen, von denen zwei einen kompletten Wald zersägt haben, lag das Hostel auch noch unmittelbar neben einem riesigen Gleisbett, über welches alle 20 Minuten ein Zug bretterte und auch gleich den dazu passenden Sound “Mööööööp” lieferte. Mit dem Gefühl, nicht eine einzige Minute geschlafen zu haben, beschloss ich um kurz nach 6 aufzustehen. Je früher ich wieder losfahren würde, desto besser. Wobei mein Körper eine ganz andere Sprache sprach. Leise wimmernd und in einer Ecke kauernd flüsterte mir mein Verstand zu, ich solle besser nicht mehr weiterfahren. Mein Energiespeicher nickte dazu energisch mit dem Kopf. Ich hörte nicht auf beide und verließ um kurz nach 8 Uhr das Hostel, um ins 109 km entfernte Porta Westfalica zu fahren.

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Ich freute mich über eine größtenteils flache Strecke. Vor allem war sie jedoch abwechslungsreich. So musste ich die ersten Kilometer hinter Münster über eine Bundesstraße, dann führte meine Route mich durch einen Wald, über eine Landstraße, durch einige kleinere Dörfchen, über weite Felder und am Ende an der Werre und der Weser entlang. Zwischendurch gab es einige Anstiege, die ich wieder nur im ersten Gang und mit anschließender Atempause bewältigen konnte, doch insgesamt betrachtet war es alleine von der Streckenführung her weit angenehmer als am ersten Tag. Das große Problem war jedoch weiterhin mein Hintern. Bereits auf der Bundesstraße hatte ich schon wieder Probleme, länger als 20 Minuten auf dem Sattel zu sitzen. Meine “Popo-Pausen” häuften sich, was glücklicherweise möglich war. Durch die 15 Kilometer weniger als am Vortag und die seltener vorkommenden Anstiege, die auch nur halb so schlimm waren wie die am Vortag, war alles etwas entzerrter und entspannter. Zusätzlich dazu trat jedoch im Laufe des Morgens ein weiteres körperliches Problem auf: Durch den Backpacker-Rucksack bekam ich langsam Rückenschmerzen.

Meine erste Tagespause gegen 12 Uhr habe ich an einem Lidl in Versmold gemacht, da ich nichts mehr zu trinken hatte. Nach dem Einkauf wollte ich mich noch einige Minuten hinsetzen und etwas essen, doch da begann es plötzlich zu regnen und ich musste mich unterstellen.

Die zweite Etappe war wieder anstrengender, da die Straßen und Wege in und um Burgholzhausen durch den Teutoburger Wald wieder etwas hügeliger wurden. Mein Körper verzweifelte bei jedem Anstieg, den ich von Weitem sah, und die Stimme meines Verstandes, die am Morgen noch so leise herumgepiepst hatte, ich solle mein ganzes Vorhaben doch besser abbrechen, wurde immer lauter. Die Abstände meiner “Popo-Pausen” wurden immer kürzer, alle 15 Minuten musste ich kurz vom Rad steigen. Alles schmerzte und brannte da unten. Als erste gelbe Schilder mit der Aufschrift “Bielefeld” auftauchten, wurde der Gedanke “setz dich einfach in den nächsten Zug und fahr heim” beinahe zu einem Vorhaben. Doch ich blieb auf meiner Route, ausgelaugt und müde. Meine zweite Pause war gegenüber der ersten sehr angenehm, gegen 16 Uhr habe ich mich auf einem kleinen Wiesenstück direkt an der Hauptstraße in Bünde gegen einen Baum gelehnt und konnte zum ersten Mal etwas entspannen. Die halbe Stunde verging wie im Flug und ich trat den Endpurt des Tages an.

Etwa zwei Kilometer weiter, auf der dritten und letzten Etappe, erwartete mich dann eine weitere, jedoch ungeplante und ungewollte kleinere Pause. An diesem Bahnübergang:

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Geschlagene 14 Minuten verbrachte ich dort. Zwei vergleichsweise schnelle Personenzüge, zwei ellenlange und furchtbar langsame Güterzüge und eine einzelne Lok fuhren im Wechsel vor meiner Nase vorbei, mal von links und mal von rechts kommend. Währenddessen kam plötzlich ein unheimlich heftiger Sturm auf, der mich beinahe mitsamt meinem Fahrrad nach hinten umgeweht hätte und hinter mir in den offen stehenden Lagerhallen mit Plastikdach laute pfeifende Geräusche verursachte.

Die Strecken entlang der beiden Flüsse Werre und Weser waren wunderschön. Mittlerweile schien die Sonne auch wieder und die ebenen Wege mit Blick auf das Wasser waren herrlich. Wären da nicht die unerträglichen Schmerzen gewesen, die mich alle 10 Minuten zum Stehenbleiben zwangen. Und auch mein Rücken machte immer größere Probleme.

Der Anblick des Wittekindsberges, der sich kurz vor dem Ortseingang Porta Westfalicas erstreckt, ist von der Weser aus wirlich imposant.

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Da ich mittlerweile sehr langsam unterwegs war, bedingt durch ganzkörperliche Kraftlosigkeit, überholte mich an der Weser eine Gruppe von vier Radfahrern. Einer von ihnen sprach mich an und fragte mich, ob mir klar wäre, dass mein Hinterreifen “relativ platt” sei. Da ich außer Puste war und Reden äußerst schwer fiel, nickte ich nur und antwortete, ich würde ihn nachher mal aufpumpen. Die Gruppe zog vondannen und ich fühlte mich in meiner bereits vor Reiseantritt bestehenden Vermutung, dass mein Hinterreifen kaputt sei, bestätigt. Das erklärte auch, weshalb ich jedes kleine Steinchen und jeden Ast immer sofort am Hintern gespürt hatte. Mit der Frage im Kopf, ob ich noch die Muße und die Kraft dazu aufbringen konnte, den Reifen aufzupumpen, strampelte ich kraftlos weiter in die Pedale.

Wenn man am Fuß des Wittenkindsberges entlang auf Porta Westfalica zufährt, kann man rechts auf dem gegenüberliegenden Flussufer bereits die Stadt erblicken.

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Im Ort selber ging es zu meiner Schlafstätte noch eine letzte Straße bergauf. Die ersten Meter schaffte ich noch im ersten Gang, dann musste ich jedoch absteigen und schieben, da mein Energielevel gefühlt bei Minus 1000 lag. Gegen 18 Uhr erreichte ich die Herberge und dann geschah etwas völlig unerwartetes: Ich bekam ein Einzelzimmer zum Preis eines Mehrbettzimmers. Da ich eine Nacht im Mehrbettzimmer gebucht hatte. Ein krönendes Ende eines weiteren viel zu anstrengenden Tages!

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