Reisetagebuch Tag 3: TourMC – Oder auch: Die Geschichte vom Scheitern

Mein Einzelzimmer im zweiten Stock lag vermutlich so weit vom Modem entfernt, dass es sich außerhalb seiner Reichweite befand und ich daher den ganzen Abend kein gratis W-Lan nutzen konnte. Auch allgemein war der Empfang auf meinem Zimmer mehr schlecht als recht. Mit meiner Internetflatrate erkundigte ich mich bereits am Abend, ob es für mich eine entspanntere Alternativroute zu der planmäßigen über Bremen gab. Denn die 115 km nach Bremen hätte ich definitiv nicht geschafft, so viel stand für mich fest. Denn trotz eines einigermaßen erholsamen Schlafes (bis auf die Mücke, die mich nachts um 4 Uhr geweckt und auf Trab gehalten hat) fühlte ich mich am Freitag Morgen matschig in den Beinen und Rücken und Hintern brannten um die Wette.

Gefunden hattte ich bei meiner Recherche eine Jugendherberge in Verden, die von Porta Westfalica aus etwa 90 km entfernt lag und auch zu meinem darauffolgenden Ziel Hamburg etwa die gleiche Entfernung hatte. Diese Strecke hätte ich wahrscheinlich gerade so noch hinbekommen mit öfteren “Popo-Pausen”. Der wirklich äußerst hilfsbereite Rezeptionist, der für mich bei der Herberge angerufen und nach einem freien Schlafplatz für die kommende Nacht gefragt hatte, teilte mir jedoch mit, dass komplett ausgebucht sei. Gemeinsam recherchierten wir nach alternativen Wegen Richtung Hamburg, denn dort wollte ich auf jeden Fall übernachten und hatte dort ja bereits ein Bett für Samstag Abend reserviert.

Doch wir fanden nichts. Da stand ich also, mit Schmerzen in Hintern und Rücken, einem platten Hinterreifen (den ich nicht aufpumpen konnte, da ich meine Luftpumpe nicht finden konnte. “Aber ich hatte sie doch definitiv eingepackt” war ich mir sicher, doch anscheinend irrte ich mich) und weder Motivation noch ausreichend Kraft, um weiterzufahren. Alles in allem also keine guten Voraussetzungen, um das durchzuziehen, was irgendwie ohnehin von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Meine Reaktion darauf: Anruf in Hamburg, um die Reservierung zu stornieren, und Fahrt ins 7 km entfernte Minden, um dort im Reisezentrum an einem Schalter zu versuchen, das Ticket von Lübeck nach Hause, welches ich bereits letzte Woche gekauft hatte, auf eine Rückreise heute von Minden aus umzulegen. Funktionierte nicht, aber das Ticket von Lübeck konnte ich wenigstens noch stornieren. Nächste Zugverbindung nach Hause um 10:27 Uhr von Gleis 1. Meine Reise an die Nordsee endete also in Minden am Bahnhof.

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TourON hat sich für mich erledigt. Physische Schmerzen, die zumindest weite Tagestouren nicht mehr möglich machten. Ein platter Reifen, der jedoch ohne Gewicht im Stand voll aussieht. Komischer Reifen, dass der Probleme machen würde, war meinem Unterbewusstsein bereits vor Reiseantritt bekannt. Dass mein Hintern einen heroischen Tod sterben würde, hätte ich mir ebenfalls denken können. Es ist ärgerlich, sogar sehr. Ich komme mir dumm vor. Schlecht vorbereitet und zuviel aufgehalst jeden Tag. Wäre alles etwas entzerrter gewesen, vielleicht 80-90 km am Tag, wäre mein Hinterreifen nicht so komisch kaputt, wäre mein Sattel anschmiegsamer und bequemer, dann hätte ich es vermutlich geschafft.

Aber hätte hätte Fahrradkette… Meine Vernunft hatte mich ja bereits am ersten Tag auf dem Weg nach Münster darauf aufmerksam gemacht, dass ich mir zuviel vorgenommen habe. Am Morgen des zweiten Tages wollte ich noch nicht auf sie hören, doch heute Morgen hat sie so lauthals losgebrüllt, dass ich vorlauter Schreck den nächsten Zug zurück nach Hause genmmen habe.

Jetzt sitze ich im Zug, halte gerade in Rheda-Wiedenbrück und denke darüber nach, wie schade es ist, dass ich aufgeben musste. Und was das jetzt für Konsequenzen für mich und meine zukünftigen Projekte haben wird. Ob ich nächstes Jahr trotzdem noch einmal eine solche Reise antreten werde?- Definitiv ja.

Was war letztes Jahr anders als jetzt, da ich es trotz erheblicher Hürden geschafft hatte? War ich da ehrgeiziger? Motivierter? Sind Schmerzen im Endeffekt ausschlaggebend für den Abbruch einer Reise? Letztes Jahr hatte ich kaum Schmerzen, dafür aber ordentlich Probleme mit dem Weg. Wo liegt die Grenze, MEINE Grenze? Schlechte Wegbeschaffenheit und -beschreibungen sind noch akzeptabel, Schmerzen zwingen zum Aufgeben? Wäre ich trotz platten Hinterreifens weitergefahren, wenn ich keine Schmerzen hättte? – Ja.

Einen platten Reifen hätte ich unterwegs in einem Fahrradladen aufpumpen können, meist ist das umsonst. Daran wäre es also nicht gescheitert. Tatsächlich scheinen unsägliche Schmerzen MEINE Grenze zu sein.

Habe ich wenigstens etwas gelernt. Die Mini-Reise an den Rand NRW’s war also nicht völlig für den AR*** (wie passend).

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